Das Konzept der Communities of Practice (CoP) wurde erstmals von Lave und Wenger (1991) entwickelt. Es basiert auf der Annahme, dass Lernen ein sozialer Prozess ist, der durch die gemeinsame Bewältigung von Aufgaben innerhalb einer Gemeinschaft oder eines bestimmten Kontexts entsteht. Diese Grundidee spiegelt sich in der häufig zitierten Definition von Wenger, McDermott und Snyder (2002, S. 4) wider. Demnach sind Communities of Practice "Gruppen von Menschen, die eine gemeinsame Leidenschaft oder ein gemeinsames Anliegen teilen und ihr Wissen durch einen kontinuierlichen Austausch darüber vertiefen". Als Struktur, die den Austausch und die Weiterentwicklung von Wissen durch gemeinsames Handeln ermöglicht, fördern CoP somit situiertes Lernen und gemeinsames Wissensmanagement. In der I CO-COPE-Knowledge-Base wurde dieses Schlüsselkonzept anhand von drei Dimensionen beschrieben: Ethische Grundlagen und Werteorientierung, rechtliche und bildungspolitische Rahmenbedingungen, Praktische Umsetzung und empirische Befunde (Silveira-Maia et al., 2025).
Dimension ethische Grundlagen und Werteorientierung
Communities of Practice (CoP) beruhen auf einem gemeinsamen Werteverständnis, das die Grundlage für partizipative Zusammenarbeit zwischen Fachkräften verschiedener Professionen, Schüler:innen sowie Eltern bildet.
Zu den zentralen Werten gehören:
die Bereitschaft, Nichtwissen anzuerkennen und dadurch einen Raum für gemeinsames Ausprobieren und Experimentieren zu schaffen
das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Fähigkeiten anderer sowie das gemeinsame Vorhaben, verbunden mit einer Kultur des Dialogs und der geteilten Verantwortung
das Engagement für die Entwicklung und den Austausch von Wissen
Diese Werte werden auch durch die Studie von Mortier und Kolleg:innen (2010) bestätigt. Darin werden CoP als ein konstruktiver Prozess beschrieben, der gekennzeichnet ist durch:
eine offene Haltung sowie die Flexibilität, sich an unterschiedliche Rahmenbedingungen anzupassen
ein sicheres Umfeld, in dem alle Beteiligten gleichberechtigt zur Entwicklung von Ideen beitragen können und voneinander lernen
das gemeinsame Engagement für gelingende Inklusion durch den Aufbau wirksamer Unterstützungsstrukturen sowie die Förderung einer sicheren und positiven Atmosphäre.
Aus der Schaffung eines solchen geschützten Raums, der auf Bescheidenheit, Offenheit, Flexibilität und gegenseitigem Vertrauen basiert, entsteht Wissen, das praxisnah, erfahrungsbasiert und unmittelbar auf die gemeinsam definierten Herausforderungen sowie auf die jeweiligen Bedürfnisse und Möglichkeiten zugeschnitten ist.
Dimension rechtliche und bildungspolitische Rahmenbedingungen
Der Aufbau einer Community of Practice (CoP) ist in einen kontextbezogenen Lernprozess eingebettet. Auch wenn dieser keine konkreten politische Programme vorgibt, orientiert er sich an bildungspolitischen Leitlinien, die kollektive Formen des Lernens fördern, um nachhaltige Entwicklungen zu unterstützen und die professionelle Handlungskompetenz von Lehrkräften zu stärken (Silveira-Maia et al., 2023).
Vor diesem Hintergrund kann die Einrichtung und Arbeit in einer CoP als wirksame Strategie für die kontinuierliche Professionalisierung von Fachkräften in inklusiven Bildungssettings verstanden werden. Sie trägt insbesondere dem Bedarf an beruflicher Weiterentwicklung und Unterstützung Rechnung, die im natürlichen Arbeitsumfeld stattfindet, sich an den jeweiligen Kontextbedingungen orientiert und durch interprofessionelle Zusammenarbeit sowie gemeinsames Problemlösen geprägt ist.
Damit dies gelingen kann, müssen auch die institutionellen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Der Aufbau einer CoP setzt voraus, dass Schulen und andere Bildungseinrichtungen ihren Mitarbeitenden ausreichend Zeit und geeignete Gelegenheiten für gemeinsames Lernen und Zusammenarbeiten zur Verfügung stellen.
Ein wesentliches Ergebnis einer CoP ist die Förderung von Innovationen “von unten” (bottom-up). Indem die Beteiligten gemeinsam auf der Grundlage ihrer lokalen Erfahrungen und Herausforderungen Wissen entwickeln, entstehen praxisnahe Lösungen, die die “jeweils spezifischen Wege zur Weiterentwicklung ihrer Praxis” berücksichtigen (Mortier, 2018, S. 329).
Dimension praktische Umsetzung und empirische Befunde
Eine Community of Practice (CoP) ist eine flexible Arbeits- und Lernmethode, bei der durch den gemeinsamen Fokus, die gemeinsame Praxis und den kontinuierlichen Austausch der Beteiligten neues, kontextspezifisches Wissen entsteht. Nach Wenger und Wenger-Trayner (2015) basiert eine CoP auf sozialer Teilhabe und umfasst drei zentrale Elemente:
Domäne (Domain): ein gemeinsames Interessens- oder Handlungsfeld, das die Community of Practice verbindet und ihr Orientierung gibt
Gemeinschaft (Community): die Beziehungen zwischen den Mitgliedern, die gegenseitiges Lernen und den Austausch von Erfahrungen ermöglichen
Praxis (Practice): die gemeinsame Weiterentwicklung von Wissen und Kompetenzen durch das Teilen von Ressourcen, Erfahrungen und Handlungsstrategien
Mortier (2018) betont, dass CoP neue Perspektiven eröffnen und Veränderungen anstoßen können. Voraussetzung hierfür sind vier grundlegende Kompetenzen reflektierender Praktiker:innen (Vandenbroeck 2012, S. 8):
die Fähigkeit, in Situationen unterschiedlicher Sichtweisen und fehlender Einigkeit nach tragfähigen (stets vorläufigen) Lösungen zu suchen,
die Bereitschaft, sich auf andere Menschen und unbekannte Perspektiven einzulassen,
die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen (etwa Kolleg:innen, Eltern sowie Kindern und Jugendlichen) Wissen zu entwickeln (Ko-konstruktion)
ein Handeln, das konsequent auf Veränderung und Weiterentwicklung ausgerichtet ist.
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Sehen Sie sich das folgende Video an, das die wichtigsten Aspekte des CoP-Ansatzes nach Wenger und Wenger-Trayner zusammenfasst.
Quellen
Lave, J., & Wenger, E. (1991). Situated Learning: Legitimate Peripheral Participation. Cambridge: Cambridge University Press.
Mortier, K. (2018). Communities of Practice: a Conceptual Framework for Inclusion of Students with Significant Disabilities. International Journal of Inclusive Education, 24(3), 329–340. https://doi.org/10.1080/13603116.2018.1461261
Mortier, K., Hunt, P., Leroy, M., Van de Putte, I., & Van Hove, G. (2010). Communities of practice in inclusive education. Educational Studies, 36(3), 345–355. https://doi.org/10.1080/03055690903424816
Silveira-Maia, M., Neto, C., Sanches-Ferreira, M., Alves, S., Durães, H., Breyer, C., Vandenbussche, E., Boonen, H., Zacharová, Z., Ferková, Š., Schukoff, P., Unterreiner, S., & Teijsen, E. (2025). Mapping CoP for inclusion: a Knowledge Base. Instituto Politécnico do Porto. https://doi.org/10.26537/e.ipp.136
Silveira-Maia, M., Alves, S., Aguiar, T., Sanches-Ferreira, M., Beaton, M., Bethere, D., Boonen, H., Callens, S., De Vries, P., Edwards, T., Eerlingen, A., Lofthouse, R., Sergeant, S., Teijsen, E., Touw, H., Ulmane-Ozoliņa, L., Wilssens, M. (2023). Collaborative Learning for Inclusion Under a Magnifying Lens. Porto: Instituto Politécnico do Porto. https://proudtoteachall.eu/en/research-and-policy-recommendations/research-and-policy-recommendations-detail/book-collaborative-learning-for-inclusion-under-a-magnifying-lens?from=
Smith, S., Hayes, S., & Shea, P (2017). A critical review of the use of Wenger's Community of Practice (CoP) theoretical framework in online and blended learning research, 2000- 2014. Online Learning 21(1), 209-237. https://doi.org/10.24059/olj.v21i1.963
Vandenbroeck, M. (2012). Evidence-Based Practice, Professionalism and Respect for Diversity: A Tense Relation. Asia-Pacific Journal of Research in Early Childhood Education 6 (1), 1–20. https://www.pecerajournal.com/detail/26922
Wenger, E. (1998). Communities of Practice: Learning, Meaning, and Identity. Cambridge: Cambridge University Press.
Wenger, E., McDermott, R. & William Snyder, W. (2002). Cultivating Communities of Practice: A Guide to Managing Knowledge. Boston: Harvard Business Press.
Wenger, E., & Wenger-Trayner, B. (2015). Introduction to communities of practice. A brief overview of the concept and its uses. https://www.wenger-trayner.com/introduction-to-communities-of-practice/
