Partizipation ist kein Zustand von “ganz oder gar nicht”.
Die Förderung von Students’ Agency und die Schaffung echter Beteiligungsmöglichkeiten erfordern sinnvolle und verlässliche Strukturen der Partizipation, die sich an den Erfahrungen, Fähigkeiten und Interessen der Schüler:innen weiterentwickeln. Für diesen dynamischen Prozess schlägt Esteban (2022) ein Stufenmodell der Partizipation vor, das als wertvolle Orientierung dienen kann, um die Handlungs- und Gestaltungskompetenz von Schüler:innen in inklusiven demokratischen Bildungsgemeinschaften zu fördern.
Im Zentrumdieses Modells steht die Idee einer schrittweise wachsenden Partnerschaft und gemeinsamen Verantwortung von Lernenden und Fachkräften. Der Grad der Beteiligung von Schüler:innen kann und sollte im Laufe der Zeit erweitern - entsprechend ihres zunehmenden Wissens, ihrer Fähigkeiten und ihrer Erfahrungen mit partizipativen Prozessen. Dieser Ansatz versteht Schüler:innen nicht lediglich als Empfänger:innen von Bildung, sondern als aktive Mitgestalter:innen ihrer Lernprozesse und ihres Lernumfelds.
Das Modell beschreibt verschiedene Stufen der Beteiligung, die Schulen als Orientierung nutzen können, um Students’ Agency zu stärken:
Gemeinsame Beratung und Mitgestaltung (Co-Design)
Auf der grundlegenden Ebene werden Schüler:innen ermutigt, an Entscheidungsprozessen über ihr eigenes Lernen mitzuwirken: Sie können Lernziele mitgestalten, ihre Lernzeit organisieren und Lernwege an ihre individuellen sowie gemeinsamen Bedürfnisse anpassen. Darüber hinaus können sie an der Gestaltung der physischer Lernräume beteiligt werden, indem sie Vorschläge einbringen, die ihre Bedürfnisse berücksichtigen und Inklusion sowie Wohlbefinden fördern.
Zudem werden die Schüler:innen ermutigt, sich an der Gestaltung des Klassenraummanagements und der Planung von Aktivitäten zu beteiligen. Dies umfasst gemeinsam verantwortete Entscheidungen mit Mitschüler:innen und Lehrkräften, beispielsweise über Klassenregeln, Gruppenaktivitäten oder die Nutzung der Freizeitphasen.Co-Leitung in der Schulgestaltung
Aufbauend auf diesen ersten Schritten können Schüler:innen an Besprechungen mit Lehrkräften und Schulleitungen teilnehmen, in denen Themen diskutiert und Entscheidungen beeinflusst werden, die sie unmittelbar betreffen. Diese Form der Beteiligung erkennt Schüler:innen als kompetente Akteur:innen an, die sich aktiv an schulischer Steuerung und an Entwicklungsprozessen beteiligen können.
Gemeinsame Steuerung (Co-Governance)
Auf der höchsten Stufe der Beteiligung werden die Schüler:innen nicht nur informiert und angehört, sondern übernehmen eine aktive und initiierende Rolle bei der Gestaltung des Schullebens. Ihre Stimmen und ihre Entscheidungen erhalten ein gleichwertiges Gewicht wie die der Erwachsenen und spiegeln damit ein starkes Bekenntnis zu demokratischen Prinzipien wider. Diese Form der Beteiligung stärkt das Verantwortungsbewusstsein, die demokratische Teilhabe und das Gefühl gemeinsamer Verantwortung für die eigene Bildung und die Schulgemeinschaft.
Um dieses Modell erfolgreich umzusetzen, sollten die Schulen zunächst Räume schaffen, um bestehende Beteiligungsformen zu reflektieren und gemeinsam Möglichkeiten zu entwickeln, wie diese schrittweise und sinnvoll erweitert werden können.
Bedeutungsvolle Partizipation bedeutet, dass Schüler:innen nicht nur das Recht haben, beteiligt zu werden, sondern auch Verantwortung dafür übernehmen, ihre Lernprozesse und Lernumgebungen aktiv mitzugestalten. Das Projekt Voice into Action betont, dass Beteiligung auf grundlegenden Werten und unterstützenden Strukturen basieren muss, damit sie tatsächlich Wirkung entfalten kann.
Auf dieser Grundlage identifizieren Lundy, McEvoy und Byrne (2011) vier miteinander verbundene Elemente, die für eine authentische und wirkungsame Beteiligung wesentlich sind: Raum (Space), Stimme (Voice), Zuhörende (Audience), und Einfluss (Influence). Diese Komponenten bieten eine praktische und ethische Grundlage für die Förderung der Handlungskompetenz von Schüler:innen:
Raum
Schüler:innen benötigen sichere, inklusive und unterstützende Umgebungen, in denen sie sich wertgeschätzt und respektiert fühlen. Nur wenn sie erleben, dass sie frei reflektieren, eigene Meinungen entwickeln und sich ohne Angst vor Bewertung oder Ausgrenzung austauschen können, kann echte Beteiligung entstehen.Stimme
Es reicht nicht aus, lediglich Räume für Beteiligung bereitzustellen. Schüler:innen müssen auch aktiv dabei unterstützt werden, ihre Perspektiven auszudrücken - in der Form, die für sie am passendsten ist. Ob durch mündliche Beiträge, Schreiben, künstlerische Ausdrucksformen, digitale Medien oder andere Kommunikationswege: Der Prozess sollte individuelle Ausdrucksformen und unterschiedliche Kommunikationsstile berücksichtigen.Zuhörende
Die Stimme einer:s Lernenden darf nicht unbeachtet bleiben. Beteiligung wird erst dann bedeutsam, wenn es Menschen gibt, die tatsächlich zuhören. Lehrkräfte, Schulleitungen und Mitschüler:innen müssen daher eine Kultur des aufmerksamen Zuhörens entwickeln, in der Beiträge von Schüler:innen nicht nur wahrgenommen, sondern auch wertgeschätzt werden.Einfluss
Damit Beteiligung tatsächlich stärkend wirkt, müssen die Perspektiven und Vorschläge von Schüler:innen ernst genommen und - soweit möglich - in Entscheidungen einbezogen werden. Dies bedeutet nicht, dass jede Idee umgesetzt werden muss. Wichtig ist vielmehr, dass Schüler:innen Rückmeldungen erhalten und nachvollziehen können, wie ihre Beiträge Entscheidungen und Veränderungen beeinflusst haben.
Die folgende Grafik veranschaulicht, wie diese Grundwerte in der Praxis umgesetzt werden können, indem sie mit konkreten Handlungen verbunden werden.
-
Klicken Sie hier, um weitere Einzelheiten zum Voices into Action-Rahmenwerk zu erfahren:
Auch in einer Community of Practice ist es wichtig, diese grundlegenden Elemente im Blick zu behalten und regelmäßig darüber zu reflektieren, welche Bedingungen notwendig sind, um diese vier Aspekte in jedem Treffen zu ermöglichen.
Zur Inspiration möchten wir Ihnen folgendes Video vorstellen:
In diesem Kurzfilm berichten Lernende und ihre Familien über ihre persönlichen Erfahrungen und reflektieren, wie ihre Beteiligung an bildungsbezogenen Entscheidungsprozessen ihr Leben beeinflusst hat. Das Video stellt außerdem den VIA-Framework for Meaningful Participation sowie das dazugehörige Online-Toolkit vor.
Weitere Informationen zum VIA-Projekt finden Sie unter: https://www.european-agency.org/activities/voices-into-action-including-the-voices-of-learners-and-their-families-in-educational-decision-making
Reflexionsaufgabe
Esteban (2022) beschreibt die Beteiligung von Schüler:innen als einen schrittweisen, sich entwickelnden Prozess - von gemeinsamer Reflexion im Unterricht bis hin zu aktiver gemeinsamer Steuerung auf Schulebene. Dieses Modell betont eine schrittweise wachsende Partner:innenschaft zwischen Lernenden und Fachkräften in inklusiven demokratischen Lerngemeinschaften.
Nun laden wir Sie ein, die neu gewonnenen Erkenntnisse mit Ihren eigenen Erfahrungen zu verbinden.
Wo würden Sie Ihre aktuelle Praxis einordnen?
Denken Sie an ein aktuelles Beispiel, bei dem Schüler:innen an Entscheidungsprozessen beteiligt waren.
Welche Stufe nach Esteban beschreibt diese Situation am besten?
i. Gemeinsame Reflexion (Joint Deliberation)
ii. Co-Design
iii. Co-Leitung (Co-Leadership)
iv. Gemeinsame Steuerung (Co-Governance)Welche Rolle hatten die Schüler:innen? Was war Ihre Rolle als pädagogische Fachkraft?
Welche Faktoren haben diese Form der Beteiligung ermöglicht?
Welche Bedingungen (z.B. Zeit, Schulkultur, Unterstützung, Flexibilität) haben sie begünstigt?
Welche Grenzen oder Herausforderungen gab es?
Wie könnten Sie einen Entwicklung hin zu einer höheren Stufe der Beteiligung unterstützen?
Welche Kompetenzen, Strukturen oder Haltungen müssten sich bei Schüler:innen, Mitarbeitenden oder der Schulleitung weiterentwickeln?
Welche Rolle könnten Sie selbst übernehmen, um diesen Entwicklungsprozess anzustoßen oder zu unterstützen?
Quellen
Esteban, M. B. (2022). Children’s Participation, progressive autonomy, and Agency for Inclusive Education in schools. Social Inclusion, 10(2). https://doi.org/10.17645/si.v10i2.4936
Lundy, L., McEvoy, L., & Byrne, B. (2011). Working with Young Children as Co-Researchers: An approach informed by the United Nations Convention on the Rights of the Child. Early Education and Development, 22(5), 714–736. https://doi.org/10.1080/10409289.2011.596463
