Im Rahmen dieser internationalen Auseinandersetzung konnten verschiedene Faktoren identifiziert werden, die einen wesentlichen Einfluss auf die erfolgreiche Umsetzung inklusiver Bildung haben. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass inklusive Schulentwicklungsprozesse an unterschiedlichen Ebenen des Bildungssystems ansetzen müssen (Booth & Ainscow, 2002), lassen sich diese Faktoren drei Ebenen zuordnen: (1) Kontextfaktoren auf der systemischen Ebene, (2) Prozessfaktoren und (3) individuelle Merkmale (Breyer & Gasteiger-Klicpera, 2023).
Kontextuelle Faktoren
Die Umsetzung inklusiver Bildung wird durch verschiedene Kontextfaktoren beeinflusst. Dazu gehören bildungspolitische Rahmenbedingungen, ein klares gemeinsames Leitbild sowie ausreichend Ressourcen. Kleine Klassen und professionelle Unterstützungsangebote können inklusive Bildung fördern, während fehlende finanzielle Mittel und ungeeignete räumliche oder strukturelle Bedingungen Barrieren darstellen können (Booth & Ainscow, 2002; Engelbrecht & Savolainen, 2017, Rose & Howley, 2007).
Prozessfaktoren
Die Qualität inklusiver Bildungsprozesse hängt wesentlich von der Ausbildung der Lehrkräften, der Zusammenarbeit verschiedener Akteur:innen sowie der Fähigkeit ab, auf individuellen Bedürfnisse von Schüler:innen einzugehen. Differenzierte Unterrichtsstrategien und ein positives Klassenklima sind entscheidende Voraussetzungen für die Förderung von Inklusion. Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass Lehrkräfte eine zentrale Rolle für das Gelingen inklusiver Bildung einnehmen: Ihre Unterrichtsgestaltung und persönliche Eigenschaften haben einen wesentlichen Einfluss auf die Lernentwicklung der Schüler:innen (Engelbrecht & Savolainen, 2017; Biggs et al., 2016; Pijl & Meijer, 1997; Mitchell, 2008).
Individuelle Merkmale
Daher sind neben den äußeren Rahmenbedingungen und Unterrichtsprozessen insbesondere individuelle Merkmale von Lehrkräften von grundlegender Bedeutung für inklusive Bildung: Professionelles Wissen, inklusive Kompetenzen sowie positive Einstellungen und Überzeugungen gegenüber Inklusion sind zentrale Voraussetzungen. Darüber hinaus steht eine hohe Selbstwirksamkeit der beteiligten Fachkräfte in engem Zusammenhang mit der erfolgreichen Umsetzung inklusiver Praktiken verknüpft (Pijl & Meijer, 1997; Ben-Yehuda et al., 2010; Sharma et al., 2012).
Gerade diese Konzepte helfen dabei zu verstehen, warum Lehrkräfte bestimmte Unterrichtspraktiken auswählen und wie sie auf Herausforderungen im Unterricht reagieren.
Nach Hattie (2009) spielen Fachkräfte eine entscheidende Rolle. Besonders ihre individuellen Merkmale - insbesondere ihre Überzeugungen, Einstellungen und ihr Gefühl der Selbstwirksamkeit - gehören zu den wichtigsten Einflussfaktoren. Im Folgenden werden diese zentralen Merkmale näher betrachtet und die Bedeutung eines Growth Mindset für die Stärkung vo Communities of Practice in inklusiven Bildungssettings untersucht.
Richardson (1996, S. 103) beschreibt Einstellungen und Überzeugungen als „eine Teilmenge von Konstrukten, die die Struktur und den Inhalt mentaler Zustände benennen, definieren und beschreiben, von denen angenommen wird, dass sie menschliches Handeln beeinflussen”. Während alle Menschen Überzeugungen zu unterschiedlichen Themen besitzen, verfügen Lehrkräfte über spezifische bildungsbezogene Überzeugungen, die mit ihrem professionellen Handeln verbunden sind (Ben-Yehuda et al., 2010).
Überzeugungen von Lehrkräften sind tief verankerte Annahmen und Vorstellungen über Lehren und Lernen, über Schüler:innen, Vielfalt sowie über die eigene Rolle im Unterricht. Sie entstehen durch persönliche Erfahrungen, die eigene Schulbiografie, frühere Lern- und Unterrichtserfahrungen sowie durch professionelles pädagogisches Wissen (Richardson, 1996, S. 108ff). Gleichzeitig beeinflussen sie, wie Lehrkräfte Situationen interpretieren, Entscheidungen treffen und handeln.
Während Überzeugungen häufig als kognitive Komponente betrachtet werden, beziehen sich Einstellungen stärker auf emotional geprägte Reaktionen oder Haltungen gegenüber bestimmten Themen (affektive Komponente) – beispielsweise gegenüber inklusiver Bildung. Sie werden durch persönliche Erfahrungen, soziale Kontexte und zugrunde liegende Überzeugungen geprägt. Überzeugungen und Einstellungen sind miteinander verknüpft und beeinflussen maßgeblich das Unterrichtshandeln sowie die Offenheit gegenüber inklusiven Praktiken.
Darüber hinaus ist das Verhalten von Lehrkräften im Unterricht in engem Zusammenhang mit ihrer Selbstwirksamkeitserwartung. Diese bezeichnet das Vertrauen einer Person in die eigene Fähigkeit, bestimmte Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können (Bandura, 1993). Nach Bandura (1977, 1994) entstehen und stärken sich Selbstwirksamkeitsüberzeugungen insbesondere durch eigene Erfolgserfahrungen, verbale Ermutigung, den Umgang mit emotionalen und körperlichen Zuständen sowie durch stellvertretende Erfahrungen. Lehrkräfte mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung sind offener für neue Ideen und eher bereit, innovative Methoden einzusetzen, um unterschiedliche Lernbedürfnisse zu unterstützen. Zudem zeigen sie häufig mehr Geduld im Umgang mit Fehlern von Schüler:innen und bleiben beharrlicher bei der Förderung von Lernenden mit Schwierigkeiten (Ben-Yehuda et al., 2010; Sharma et al., 2012).
Forschungsergebnisse zeigen somit, dass Überzeugungen von Lehrkräften und ihre Selbstwirksamkeitserwartungen eng miteinander verbunden sind: Vorstellungen über die Fähigkeiten von Schüler:innen sowie über inklusive Bildung beeinflussen, wie sicher sich Lehrkräfte bei der Umsetzung inklusiver Praktiken fühlen. Umgekehrt kann eine höhere Selbstwirksamkeitserwartung positivere und inklusivere Überzeugungen verstärken. Gemeinsam prägen diese Faktoren wesentlich, wie Lehrkräfte inklusiven Unterricht gestalten.
Aufbauend auf dieser Verbindung zwischen Überzeugungen und Selbstwirksamkeit bietet das Konzept des Growth Mindsets weitere Erkenntnisse darüber, wie Lehrkräfte Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten wahrnehmen - sowohl bei sich selbst als auch bei ihren Schüler:innen.
Der von Carol Dweck geprägte Begriff Growth Mindset beschreibt die Überzeugung, dass Fähigkeiten und Intelligenz keine unveränderlichen Eigenschaften sind, sondern durch Anstrengung, Lernen (aus Fehlern), geeignete Strategien und Ausdauer weiterentwickelt werden können. Im Gegensatz dazu geht ein Fixed Mindset davon aus, dass Intelligenz weitgehend statisch und unveränderbar ist (American University, 2010).
Im Kontext inklusivenr Bildung spielt eine Growth Mindset sowohl für Lehrkräfte als auch für Schüler:innen eine wichtige Rolle.
Lehrkräfte, die davon überzeugt sind, dass alle Lernende - unabhängig von ihren Fähigkeiten, ihrer Herkunft oder ihrem individuellen Lernprofil - Fortschritte machen und erfolgreich sein können, schaffen häufiger unterstützende, differenzierte und motivierende Lernumgebungen. Fachkräfte mit einem Growth Mindset richten ihren Blick auf individuelle Entwicklung statt auf vermeintlich feste Fähigkeiten und betrachten unterschiedliche Lernvoraussetzungen als Chance für Entwicklung und nicht als Hindernisse. Darüber hinaus reflektieren sie ihr eigenes Handeln häufiger, passen ihre Methoden flexibel an und sind besser in der Lage, Herausforderungen zu bewältigen. Dies stärkt wiederum ihre Selbstwirksamkeit und ihre Überzeugung hinsichtlich inklusiver Bildung.
Auch Schüler:innen profitieren in inklusiven Lernumgebungen von einem Growth Mindset: Sie zeigen häufiger Ausdauer, gehen offener mit Unterschieden um und entwickeln eine höhere Widerstandsfähigkeit. Diese Haltung unterstützt alle Lernende - einschließlich Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten oder sonderpädagogischem Förderbedarf - dabei, ihr Potenzial auszuschöpfen. Dies kann sich unter anderem in besseren Lernergebnissen, verbesserten Problemlösefähigkeiten und einer stärkeren Bereitschaft zum lebenslangen Lernen zeigen.
Wie die University of Colorado Denver (o.J.) hervorhebt, “ist die Entwicklung eines Growth Mindsets wichtig für die Gestaltung einer inklusiven Umgebung, da sie das Engagement der Schüler:innen erhöhen und gleichzeitig Bedrohungen für ihre Identität verringern kann.” Die Förderung eines Growth Mindsets trägt somit dazu bei, gerechtere, stärkende und wirksame Lernumgebungen für alle zu schaffen.
Darüber hinaus kann ein Growth Mindset die interprofessionelle Zusammenarbeit wesentlich verbessern. Wenn Fachkräfte unterschiedlicher Professionen davon ausgehen, dass sowohl ihre eigenen Kompetenzen als auch die Fähigkeiten ihrer Kolleg:innen kontinuierlich weiterentwickelt werden können, sind sie eher bereit, in einen offenen Dialog zu treten, gemeinsam zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen. Herausforderungen werden dabei als Möglichkeiten für gemeinsames Wachsen verstanden, Fehler als Teil des Lernprozesses betrachtet und Innovationen durch gemeinsame Reflexion und Erprobung gefördert.
Ein Growth Mindset stärkt zudem Communities of Practice, indem es kontinuierliches Lernen, Wissensaustausch und Vertrauen fördert. Mitglieder mit einem solchen Entwicklungsverständnis sind eher bereit, eigene Erfahrungen einzubringen, voneinander zu lernen und ihre Praxis weiterzuentwickeln. Sie verstehen eine CoP nicht als Raum zur Demonstration von Expertise, sondern als gemeinschaftlichen Lernort, an dem Entwicklung ein gemeinsames Ziel darstellt. Dadurch entsteht eine inklusive Kultur, in der alle Beiträge wertgeschätzt werden und Lernen als fortlaufender gemeinsamer Prozess verstanden wird. Wachstumsmentalität sind eher bereit, einen Beitrag zu leisten, voneinander zu lernen und ihre Praktiken anzupassen.
-
Schauen Sie sich das Video an, um mehr über den Unterschied zwischen Growth und Fixed Mindset zu erfahren und um praktische Beispiele dafür zu entdecken, was eine wachstumsorientierte Denkweise in der Bildung bewirken kann.
Reflektionsaufgabe(n)
Welche Überzeugungen und Einstellungen habe ich gegenüber inklusiver Bildung und vielfältigen Lerngruppen?
Beschreiben Sie konkrete Situationen aus Ihrer Unterrichts- oder Bildungspraxis, in denen Ihre Überzeugungen sichtbar wurden. Reflektieren Sie: Haben meine Einstellungen das Lernen und die Teilhabe aller Schüler:innen unterstützt oder möglicherweise erschwert?Wie schätze ich meine eigene Wirksamkeit im Umgang mit Vielfalt und inklusiven Herausforderungen ein?
Denken Sie über konkrete Situationen nach, in denen Sie sich sicher und handlungsfähig gefühlt haben - sowie über Situationen, in denen Sie Unsicherheit erlebt haben. Welche Faktoren stärken oder schwächen Ihre Selbstwirksamkeitserwartungen?Growth Mindset in der Praxis
Testen Sie Ihre eigene Haltung anhand des Konzepts von Carol Dweck: Growth Mindset / Fixed Mindset Test
Reflektieren Sie, wie Sie in Ihrer Praxis mit Fehlern, Herausforderungen oder Rückschlägen umgehen. Welche Botschaften vermitteln Sie dabei bewusst oder unbewusst? Welche Strategien könnten Sie nutzen, um ein Growth Mindset bei sich selbst und innerhalb Ihrer Community of Practice weiterzuentwickeln?
Quellen
American University. (2010). How to foster a growth mindset in the classroom. School of education. https://soeonline.american.edu/blog/growth-mindset-in-the-classroom/
Bandura, A. (1977). Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review 84(2), 191–215.
Bandura, A. (1993). Perceived Self-Efficacy in Cognitive Development and Functioning. Educational Psychologist 28(2), 117–48.
Bandura, A. (1994). Self-Efficacy.” In Encyclopedia of Human Behavior. Vol. 4. 4th ed., edited by
V. S. Ramachaudran, 71–81. Academic Press.
Ben-Yehuda, S., Leyer, Y., & Last, U. (2010). Teacher Educational Beliefs and Sociometric Status of Special Educational Needs (SEN) Students in Inclusive Classrooms. International Journal of Inclusive Education, 14(1). 17-34. https://doi.org/10.1080/13603110802327339
Biggs, E., Gilson, C., & Carter, E. (2016). Accomplishing more Together. Research and Practice for Persons with Severe Disabilities, 41(1), 256-272. https://doi.org/10.1177/1540796916665604
Booth, T., & Ainscow, M. (2002). Index for Inclusion: Developing Learning and Participation in Schools. http://www.eenet.org.uk/resources/docs/IndexEnglish.pdf
Breyer, C., & Gasteiger-Klicpera, B. (2023). The relative significance of contextual, process and individual factors in the impact of learning and support assistants on the inclusion of students with SEN. International Journal of Inclusive Education, 28(13), 3176-3192, https://doi.org/10.1080/13603116.2023.2184510
Engelbrecht, P., & Savolainen, H. (2017). A Mixed-Methods Approach to Developing an Understanding of Teachers’ Attitudes and their Enactment of Inclusive Education. European Journal of Special Needs Education, 33(5), 660-676. https://doi.org/10.1080/08856257.2017.1410327
Hattie, J. A. C. (2009). Visible Learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. Routledge.
Pijl, S. J., & Meijer, C. J. W. (1997). Factors in inclusion: a framework. In S. J. Pijl, C. J. W. Meijer, & S. Hegarty (Ed.), Inclusive Education: A global agenda (S. 8–13). Routledge.
Richardson, V. (1996). The role of attitudes and beliefs in learning to teach. In J. Sikula (Ed.), Handbook of research on teacher education (2nd edition, pp. 102-119). Maxmillan.
Rose, R., & Howley, M. (2007). The Practical Guide to Special Educational Needs in Inclusive Primary Classrooms. Sage Publications.
Rudenko, E., Sagajdachnaya, E., & Shamreava, K. (2021). Motivational component of educational activity in the context of a new educational paradigm. E3S Web of Conferences, 273(2), 1-14. https://doi.org/10.1051/e3sconf/202127312063
Sharma, U., Loreman, T., & Forlin, C. (2012). Measuring Teacher Efficacy to Implement Inclusive Practices. Journal of Research in Special Educational Needs, 12(1), 12-21. https://doi.org/10.1111/j.1471-3802.2011.01200.x
University of Colorado. (2021). Growth Mindset. https://clas.ucdenver.edu/inclusive-pedagogy/modules/growth-mindset
