Ein zentrales Merkmal inklusiver Bildung besteht darin, alle beteiligten Akteur:innen zu stärken, indem ihnen eine Stimme gegeben wird und sie befähigt werden, ihre eigenen Angelegenheiten - einschließlich ihrer Lernprozesse - aktiv mitzugestalten. Die Anerkennung und Förderung der Handlungs- und Gestaltungskompetenz (Agency) von Schüler:innen sowie ihrer Familien stellt sicher, dass sie eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung von Bildungsprozessen und bildungsbezogenen Entscheidungen einnehmen. Wie die European Agency (2022, S. 23) hervorhebt, bezeichnet der Begriff Agency “die Möglichkeit, Einfluss auszuüben und Veränderungen im Bildungsumfeld anzustoßen. Lernende und ihre Familien verfügen über Agency, wenn ihren Stimmen in Bildungsprozessen Gewicht beigemessen wird. Von ‘aktiver Agency’ spricht man, wenn Lernende oder Familien selbst Diskussionen anstoßen, aktiv handeln und gemeinsam Verantwortung sowie Einfluss auf Entscheidungen übernehmen können, um Veränderungen herbeizuführen.”
Vor diesem Hintergrund bedeutet Students’ Agency, dass Schüler:innen Einfluss auf die Weiterentwicklung von Bildung nehmen können. Sie verfügen über die Möglichkeit und die Gelegenheit, Diskussionen anzustoßen, Entscheidungen mitzugestalten und aktiv auf ihr eigenes Lernumfeld einzuwirken (EASNIE, 2022, S. 23).
In der I CO-COPE Knowledge Base wird das Schlüsselkonzept "Students’ Agency" anhand von drei Dimensionen beschrieben: Ethische Grundlagen und Werteorientierung, rechtliche und bildungspolitische Rahmenbedingungen, Praktische Umsetzung und empirische Befunde (Silveira-Maia et al., 2025).
Dimension ethische Grundlagen und Werteorientierung
Das Konzept der Students’ Agency wurde eng mit dem Recht von Kindern und Jugendlichen auf gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Mitbestimmung verknüpft. Ausgehend von den entsprechenden rechtlichen Grundlagen tragen Schulen eine besondere Verantwortung dafür, Schüler:innen auf ein Leben in einer demokratischen Gesellschaft vorzubereiten. Dies geschieht, indem sie Lernumgebungen schaffen, in denen demokratische Beteiligung erlebt, eingeübt und gelebt werden kann und junge Menschen zu aktiven Mitgestalter:innen ihrer Gemeinschaft werden. Partizipation und aktive Bürger:innenschaft bedeuten “das Recht, die Mittel, den Raum und die Möglichkeit sowie - sofern erforderlich - die Unterstützung zu haben, an Entscheidungen mitzuwirken, diese zu beeinflussen und sich an Maßnahmen und Aktivitäten zu beteiligen, die zum Aufbau einer besseren Gesellschaft beitragen.” (Council of Europe, 2015, S. 5)
Im Kontext der inklusiven Bildung ist es wichtig, alle Lernenden als Partner zu erreichen (Esteban, 2022). Die Stimmen aller Schüler:innen müssen bei Entscheidungen, die ihr Lernen und ihre Entwicklung betreffen, berücksichtigt werden.
Dimension rechtliche und bildungspolitische Rahmenbedingungen
Aus nildungspolitischer Sicht wird das Recht der Schüler:innen auf Handlungs- und Gestaltungskompetenz Agency) als wesentlicher Bestandteil der Weiterentwicklung hin zu einem inklusiven Bildungssystem verstanden. Diese zeichnen sich durch demokratische Bildungsgemeinschaften aus, in denen Kinder und Jugendliche “entsprechend ihrer sich entwickelnden Autonomie an Entscheidungen beteiligt werden, die sie betreffen, und in denen ihr Wissen und ihre Erfahrungen anerkannt und wertgeschätzt werden” (Esteban, 2022, S.43). Die Demokratisierung des schulischen Lebens stellt damit eine zentrale Tiebkraft bildungspolitischer Maßnahmen zur Förderung von Students’ Agency dar.
An inklusiven Schulen lässt sich eine zunehmende Entwicklung hin zu mehr Partizipation und Selbstbestimmung junger Menschen beobachten (Rose und Shevlin, 2004; Mitra, 2001; 2018). Diese Entwicklung wird einerseits als Beitrag zur Förderung demokratischer Teilhabe und aktiver Bürger:innenschaft verstanden und andererseits als wichtige Vorbereitung auf die Mitwirkung in demokratischen Gesellschaften im Erwachsenenalter (Devine, 2002; Roche, 1999, in Lundy, 2007).
Dimension praktische Umsetzung und empirische Befunde
In der schulischen Praxis wird das Recht auf Students’ Agency verwirklicht, in dem “vielfältige alltägliche Gelegenheiten geschaffen werden, in denen junge Menschen zuhören und gehört werden, Entscheidungen treffen und Verantwortung sowohl für das tägliche Miteinander als auch für die Gestaltung einer besseren Zukunft übernehmen können“ (Fielding, 2011, S. 50).
Nach Esteban (2022) entwickelt sich Partizipation schrittweise. Sie beginnt mit der Schaffung von Räumen für gemeinsame Reflexion und Mitbestimmung über den eigenen Lernprozess sowie über das Zusammenleben und die Organisation der Lerngruppe. Darauf aufbauend eröffnet sie zunehmend Möglichkeiten zur Mitgestaltung von Curricula und schulischen Lern- und Lebensräumen bis hin zur gemeinsamen Mitverantwortung für schulische Entscheidungsprozesse. Dies umfasst, dass Schüler:innen informiert und konsultiert werden sowie aktiv und gleichberechtigt an schulischen Entscheidungen beteiligt sind.
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Quellen
Council of Europe. (2015). Revised European Charter on the Participation of Young People in Local and Regional Life. https://rm.coe.int/168071b4d6
Divine, D. (2002). Children’s Citizenship and the Structuring of Adult-child Relations in the Primary School. Childhood, 9(3), 303-320. https://doi.org/10.1177/0907568202009003044
European Agency for Special Needs and Inclusive Education, 2022. Voices into Action – The Voices of Learners and their Families in Educational Decision-Making: Literature Review. (D.C. Murdoch, A. Mangiaracina and A. Kefallinou, eds.). Odense, Denmark
Esteban, M. (2022). Children’s Participation, Progressive Autonomy, and Agency for Inclusive Education in Schools. Social Inclusion, 10(2), 43-53. https://doi.org/10.17645/si.v10i2.4936
Fielding, M. (2011). La voz del alumnado y la inclusión educativa: una aproximación democrática radical para el aprendizaje intergeneracional. Revista Interuniversitaria de Formación del Profesorado, 25(1), 31-61. https://www.redalyc.org/pdf/274/27419147003.pdf
Lundy, L., 2007. “Voice” is not enough: Conceptualising Article 12 of the United Nations Convention on the Rights of the Child. British Educational Research Journal, 33(6), 927–942.
Mitra, D. (2018). Student voice in secondary schools: the possibility for deeper change. Journal of Educational Administration, 56(1), 473-487. https://doi.org/10.1108/JEA-01-2018-0007
Mitra, D. L. (2001) Opening the floodgates: Giving students a voice in school reform. Forum, 43(2), 91-94. https://doi.org/10.2304/forum.2001.43.2.14
Rose, R., & Shevlin, M. (2004). Encouraging voices: Listening to young people who have been marginalised. Support for learning, 19(4), 155-161. https://doi.org/10.1111/j.0268-2141.2004.00341.x
Silveira-Maia, M., Neto, C., Sanches-Ferreira, M., Alves, S., Durães, H., Breyer, C., Vandenbussche, E., Boonen, H., Zacharová, Z., Ferková, Š., Schukoff, P., Unterreiner, S., & Teijsen, E. (2025). Mapping CoP for inclusion: a Knowledge Base. Instituto Politécnico do Porto. https://doi.org/10.26537/e.ipp.136
